Praktikum in Australien

Von Stefanie Tilzer (2012)

Mein gesamtes Studium der Inter­nationalen Fach­kommunikation stand auf eine Art unter dem Stern des Auslands­semesters. Vom ersten Fach­semester an fanden regel­mäßig Informationsveranstaltungen zum Auslands­semester statt und auch sonst wurde sowohl zwischen den Studierenden als auch im Gespräch mit den Dozenten ausgiebig zum Thema Ausland diskutiert. Welche Stadt könnte erschwing­lich sein, was für eine Firma wäre bei welchem Karriere­ziel empfehlens­wert usw.?

Suche

Im April fing ich mit der Praktikums­suche an und sendete meine Bewerbungs­unterlagen an mehr als 100 Über­setzeragenturen in Groß­britannien. Trotz einiger Vorstellungs­gespräche via Skype konnte ich dort keinen Praktikums­platz finden und entschied mich daher, meine Suche weltweit auszudehnen. Mit der Hilfe meiner Mentorin Sabine Rammelt gelang es mir schließ­lich, einen Praktikums­platz bei der Firma Language Professionals in Sydney zu finden. Frau Rammelt hatte mir eine Liste mit Firmen zukommen lassen, die schon einmal Praktikanten der Fach­hochschule Flensburg aufgenommen hatten. Nach Abarbeiten der Liste hatte ich schließ­lich Glück.

Unterkunft

Die nächste zu über­windende Hürde war, eine Unterkunft in Sydney zu finden. Zuerst war ich positiv von den Zimmer­preisen überrascht. Als ich allerdings herausfand, dass 300-400 Dollar nicht pro Monat, sondern pro Woche für ein Studio-Apartment gezahlt werden sollten, war ich schließ­lich geschockt. Über die Internet­präsenz von Reisebine schaffte ich es, ein günstiges Open-Return-Flugticket und auch ein recht günstiges Zimmer für 220 Dollar in der Woche zu bekommen. Ich konnte also ruhigen Gemüts Ende Juli abreisen und hatte erst einmal eine sichere Unterkunft.

Nach fünf Wochen wurde mein Zimmer anderweitig vermietet und ich musste mir eine neue Bleibe suchen. Über Furnished Property, eine Vermittlungs­agentur für möblierten Wohnraum, fand ich ein Zimmer im wunder­schönen Stadtteil Glebe, dort blieb ich dann für die restliche verbleibende Zeit, fast vier Monate.

Ungefähr 25 Menschen bildeten eine Gemein­schaft, eine Art Ersatz­familie, und teilten sich sanitäre Anlagen, Küche und Wohnzimmer. Die Bewohner schliefen in Einzel­zimmern, Doppel­zimmern oder Dreibett­zimmern. Ich bestand weiterhin auf einem Einzel­zimmer, was mich allerdings über die Monate hinweg eine ordentliche Stange Geld kostete.

Ankunft

Mein Praktikum fing am 1. August an, ich musste direkt mit meinem ganzen Gepäck vom Flughafen zur Firma fahren und mich in der Großstadt Sydney zurecht­finden. Nach 35 Stunden Flug und dem unvermeid­lichen Jetlag kam ich erschöpft in der Firma an. Mein neuer Chef erwies sich glücklicher­weise als sehr verständnis­voll, zeigte mir die Firma, führte mich in die wichtigsten Aufgaben ein und ließ mich dann ausnahms­weise früher nach Hause gehen.

Arbeiten in der Firma

Meine Aufgaben in der Firma waren vielfältig. Oft arbeitete ich mit der Über­setzerarbeitsumgebung Déjà Vú, um Datenpflege zu betreiben. Bereits übersetzte Texte mussten parallelisiert oder neue Texte direkt mit der Software übersetzt werden. Sinn der Sache ist es, den Über­setzungs­speicher immer weiter "anzufüttern", damit ähnliche Aufträge in der Zukunft schneller erledigt werden können. Ansonsten half ich dort mit, wo gerade Hilfe benötigt wurde.

Language Professionals ist eine kleine Firma mit familiärer Atmosphäre, außer mir waren dort vier Mitarbeiter beschäftigt. Ich arbeitete zusammen mit Max in einem Büro im ersten Ober­geschoss, die anderen Mitarbeiter teilten sich ein größeres Büro im Erdgeschoss. Ich half im Management mit, las Über­setzungen in bis zu 35 Sprachen Korrektur, teilweise eher nur in Bezug auf Layout, bereitete Über­setzungen vor, die dann noch einmal von meinem Chef, der auch deutscher Mutter­sprachler ist, Korrektur gelesen wurden, oder ich las die Über­setzungen von anderen deutschen Über­setzern Korrektur.

Der Arbeitstag fing jeden Tag um neun Uhr an und dauerte, abzüglich einer halben Stunde Mittags­pause, bis 17:30 Uhr. Die Mittags­pause verbrachte ich normaler­weise im benach­barten Hyde Park. Innerhalb der fünf Monate Praktikums­zeit durfte ich mir eine Woche frei nehmen. Ich wählte die Woche, in die mein Geburtstag fiel und machte in Cairns am Great Barrier Reef Urlaub.

Zu den Höhe­punkten in der Firma zählt eine gemeinsame Harbour Cruise im November mit allen Kollegen. Unglaublich tolle Ausblicke bei Sonnen­untergang begleiteten unsere Fahrt mit kosten­freien Getränken und Häppchen.

Freizeit

Meine Freizeit verbrachte ich unter der Woche haupt­sächlich mit meinem Kollegen Gilles, der während der Zeit in Sydney einer meiner besten Freunde wurde. Ansonsten war ich jeden Tag mit meiner "Ersatz­familie“ in meiner riesigen WG zusammen. Meine inter­nationalen Mitbewohner wechselten häufig, ich lernte unglaublich viel über die Mannig­faltigkeit der Kulturen. Auf alle Fälle war immer jemand zu Hause, der Interesse hatte, sich zu unterhalten, zu kochen oder etwas zu unternehmen.

An den Wochenenden versuchte ich, die Zeit zu nutzen und so viel wie möglich von Australien zu erkunden. Ich besuchte zweimal die Hauptstadt Canberra und war auch zweimal in Melbourne, einmal stand die Great Ocean Road mit Freunden auf dem Programm, eines meiner persön­lichen Highlights. Ansonsten habe ich einige National­parks wie die berühmten Blue Mountains besucht, wo ich sogar ein Känguru entdeckte.

Lebens­haltungs­kosten

Die Lebens­haltungs­kosten in Australien sind eher ein dunkles Kapitel. Als ich in Sydney ankam, konnte ich es beim besten Willen nicht glauben:

  • 16 Dollar für 20 Minuten S-Bahn fahren
  • 10 Dollar für ein Sandwich

Hierbei entspricht 1 Dollar ungefähr 80 Euro-Cent. Mit der Zeit fand ich mich damit ab, dass fast alles vier- bis fünfmal so teuer war wie in meinem geliebten Flensburg.

Natürlich findet man nach und nach auch heraus, wo man Schnäppchen ergattern kann. Beispiels­weise bei Hungry Jacks, dem australischen Burger King, konnte man jederzeit eine Kaffee­spezialität für nur einen Dollar erhalten, oder bei Aldi gab es europäische Produkte zu erschwing­lichen Preisen.

Ich finanzierte die Zeit in Sydney durch die Unter­stützung vom DAAD, durch eigene Ersparnisse und die Unter­stützung meiner Eltern.

Fazit

Insgesamt kann ich sagen, dass das Auslands­semester eine unglaublich spannende Erfahrung war, wahr­schein­lich sogar die bisher weg­weisendste in meinem Leben. Für meine Persönlichkeits­entwicklung war es überaus wichtig, einmal aus dem Alltags­trott heraus­zukommen, vollkommen neu anzufangen, mit nur einem Koffer ans andere Ende der Welt zu gehen, keine Familie dort zu haben und keinen einzigen Freund. Da besinnt man sich wieder auf die essenziellen Dinge des Lebens. Daher war es auch auf eine Art gut für mich, jeden Cent zweimal umzudrehen, bevor ich ihn ausgab. Dinge, die ich mir in Deutschland im Übermaß jederzeit leisten konnte, waren eine hier Kostbarkeit, ein Schatz, den es zu genießen galt.

Darüber hinaus ist es natürlich überaus anstrengend, als Ausländer zu leben. Das australische Englisch war sehr schwierig für mich zu verstehen. In Deutschland lernen wir ja British English oder auch American English, die australische Aussprache ist allerdings sehr abweichend. Es war mir selten möglich, gerade das aus­zudrücken, was ich sagen wollte, und so stellte jeder Tag eine neue Heraus­forderung des Umformulierens dar, aber auch eine Möglich­keit, sich ständig weiter­zuentwickeln.

Die schlechteste Erfahrung in Australien war definitiv der Umgang mit den teuren Preisen. Jedes Mal nahm ich mir wieder vor, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, doch dann im Supermarkt oder wenn ich auf der Suche nach einem Snack war, verließ mich wieder der Mut und ich wollte einfach nur nichts mehr kaufen und dachte voller Kummer an mein leeres Konto.

Das Beste an meinem Auslands­semester ist auf alle Fälle, dass ich gesehen habe, wie toll es ist, mit zwei Sprachen auf einmal leben zu können. Die Fremd­sprache ist einfach unglaublich spannend, es ist, wie einen dunklen Raum immer weiter zu erleuchten, nach eigenem Ermessen.

Auf Grund der Zeit in Sydney möchte ich nun ab nächstem Sommer im englisch­sprachigen Ausland leben und ich bin unglaublich glücklich, einen Plan für mein weiteres Leben zu haben.

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Bild: Watsons Bay - Sydney

 

Bild: Blue Mountains National Park

 

Bild: Great Ocean Road

 

Bild: Great Ocean Road

 

Bild: Mein Arbeitsplatz